Von Königinnen und Nostalgikern

AUF DER SUCHE NACH DEM RICHTIGEN ENGLISCH

Heute Abend findet die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 statt. Die Fete, zu der sich schon Sir McCartney und 007 Craig angekündigt haben, läuft unter dem Namen „The Isles of Wonder“. Wir „wondern” uns zu dem Anlass: Wer spricht heute das „beste” Englisch (und wird er bei der Party mit dabei sein)? Fangen wir doch dort an, wo alle guten Dinge auf der Insel jenseits des Ärmelkanals beginnen: mit der Queen, Her Royal Highness. Seit 1592 und Queen Elizabeth der Ersten verwenden die Engländer den Begriff Queen‘s English nicht nur um sich auf das von der Queen gesprochene Englisch zu beziehen, sondern generell als Bezug auf einen bestimmten Dialekt der englischen Sprache. Dieser steht, weil er von der Königsfamilie verwendet wird, unter royaler Vormundschaft und ist damit sozusagen der König aller englischen Dialekte.

Queen_Elizabeth_Charles

Foto © State Library of Queensland’s collection, 1954 / http://flic.kr/p/bsX7gZ

God save English

Doch England wäre keine aufgeklärte Monarchie würde nicht auch diese Vorherrschaft durch einen Adelstitel sowohl inbrünstig verteidigt, als auch kritisiert werden. Die Verteidigungsposition in dieser Debatte nimmt zum Beispiel die Queen’s English Society ein, gegründet, um auf die „bedauernswert niedrigen” Standards von gesprochenem und schriftlichem Englisch unter Absolventen und generell der englischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Dabei verficht die Society den Standpunkt, dass Sprachgebrauch vorgeschrieben werden muss. Das soll vermeiden, dass die englische Sprache sich unter der „Schutzherrschaft der Demokratie” [sic!] von dem alten Ideal des Queen‘s English abwendet und damit verkommt.

Ladies tratschen am schönsten

Alleine die Zahlen sprechen dafür, dass dieser Ansatz sogar auf einer Insel von Exzentrikern längst nicht weitverbreitet ist: Beim letzten jährlichen Zusammentreffen der Society kamen läppische 22 Nostalgiker der englischen Sprache zusammen, was Diskussionen über Auflassung der Society veranlasste. Im Modell der Staatsformen führt die Abschaffung einer Monarchie bekanntlich häufig zu Oligarchie – der Herrschaft der feinen Gesellschaft. In der Geschichte der englischen Standardsprache finden wir dies im frühen 20. Jahrhundert, der Blütezeit der Aussprache-Handbüchern – sehr hübsch thematisiert in dem Musical My Fair Lady. Das sprachliche Ideal dieser Zeit (und auch der folgenden Jahrzehnte) war „Received Pronunciation”, das vornehme Englisch gesprochen von Lords, Cambridge Studenten und dem Archbishop of Canterbury – der Elite von England.

Radio sticht Adel

Heute wird in wissenschaftlichen Abhandlungen Received Pronunciation meist durch BBC English ersetzt – ein Begriff, der Standardsprache nicht mit höheren gesellschaftlichen Klassen und deren Privilegien verknüpft: die Demokratie hat Einzug gehalten. BBC English unterscheidet sich auch dadurch von Received Pronunciation, dass es, unter anderem, sprachliche Merkmale der Arbeiterklasse aufgreift, wie zum Beispiel die des Cockney English. Solche Veränderungen von Sprache sind eines ihrer wesentlichen Merkmale: Sprache lebt, ist ständig im Flux und kann nicht in ein auferlegtes Regelwerk einbetoniert werden. Versuche, wie die der Queen‘s English Society, solche Veränderungen aufzuhalten, sind vergleichbar mit dem Versuch eines Einzelnen einen Damm zu errichten, um die Flut zu stoppen.

Forschungsobjekt: Planet Queen

Beweise für diese Behauptung liefert sogar die heißgeliebte Queen. Eine Studie, die sich mit den Weihnachtsansprachen von Queen Elizabeth II zwischen 1950 und 1980 befasst, zeigte, dass sich die Vokalproduktion der Queen in diesem Zeitraum stetig an die zeitgenössische Norm angepasst, also verändert hat. Sprich: Sprachwandel lässt sich heute genauso wenig aufhalten, wie zur Zeit der Französischen Revolution. Nur dass in der Sprachenpolitik keine Köpfe rollen müssen. Die Queen wird übrigens bei der Eröffnungsfeier dabei sein – für „richtiges” Englisch hören Sie aber am besten den (BBC) Moderatoren zu.

Mitfiebern am besten auf der offiziellen Website von Olympia 2012

Ein Beitrag von Scharolta Siencnik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.