Twitterdämmerung

Liebe, Verrat und Tod in 140 Zeichen

Warum gehe ich eigentlich so selten ins Theater? Wo doch das Theater – neben Filmen, Büchern, Musik und Bildern – eine der sehr fabelhaften Möglichkeiten ist, in ferne, fremde Welten zu reisen, ohne einen ganz bösen CO2-Fußabdruck zu hinterlassen?

Vielleicht weil ich zu viel erwarte? Sehe ich einen Film im Fernsehen, kann ich einfach auf den Knopf drücken wenn es mir nicht gefällt, aber so schnell gehe ich im Theater nicht hinaus. Unwillkürlich vermittelt sich mir nämlich die Komplexität und der Aufwand, den solch eine Inszenierung darstellt. Und schließlich stehe ich auf der Bühne lebendigen Menschen gegenüber, die ich nicht durch mein Hinausgehen beschämen möchte.

Eine ganz besondere Möglichkeit zu einer Reise in andere Welten bot sich in der letzten Woche. Das Rheinische Landestheater Neuss rief in Kooperation mit den Herbergsmüttern zu einem Tweet-up auf. Alle, die einen Twitteraccount haben und sich berufen fühlten, Zeuge einer Probe zu werden, waren eingeladen über Die Nibelungen zu twittern. Also nicht nur eine Reise auf dem Beifahrersitz der Regie, sondern auch ein Abstecher in eine ganz andere Zeit und eine andere Sprache.

Das wäre doch die perfekte Gelegenheit meine Theater-Müdigkeit zu überwinden! Schon im Vorfeld werden (markiert mit dem Hashtag #NibelNe) über die Veranstaltung Tweets abgesetzt und man stimmt sich auf die mittelhochdeutsche Sprache ein, beziehungsweise auf das, was man dafür hält :)

Im Theater angekommen gerate ich automatisch in diese spezielle Stimmung, da ist das Flirren im Bauch, Stimmengemurmel und das Gefühl der Festlichkeit, das sich bei mir immer mit einem Theaterbesuch verbindet. Allerdings sind nicht so viele Menschen da wie sonst, sondern nur ein interner Zirkel von Twitterern und – wie uns dann während der Begrüßung berichtet wird ­– eine Gruppe der Universität Düsseldorf, die sich auch schon während der Proben mit Hebbels Bearbeitung der Nibelungen auseinandergesetzt hat.

Insgesamt also ein recht waghalsiges und mutiges Projekt des Theaters, denn es ist eher unüblich, sich während des Entstehungsprozesses eines Stückes so in die Karten schauen zu lassen. Mal abgesehen davon, dass es wohl das erste Mal ist, dass ein Ensemble sich auf ein solches Experiment einlässt. (siehe Kommentar unten)

Die Herbergsmütter erzählen einiges über das Tweet-up mit dem Arbeitstitel „Nibelungen auf die Hand“ und die Chefdramaturgin gibt eine kleine Einführung in das Drama, während wir in schicken Drahtsesseln lagern und unsere Smartphones warmlaufen lassen. Bald geht’s dann auch hinüber in den halbdunklen Zuschauerraum.

Es gibt nicht viele Orte, an denen selbst größere Menschenmengen automatisch verstummen … Im Wald, in der Kirche … und im Theater. So ist es auch hier.

Ein jeder schleicht auf seinen Platz von denen komfortabel viele für unser kleines Grüppchen zur Verfügung stehen und wir verteilen uns auf den schwarzen Polstern. Ich wähle eine der ersten Reihen und als ich nach hinten schaue, sieht es aus wie eine eigene Inszenierung: Menschen mit fahlem Lichtschein im Gesicht, die sich über ihre Geräte beugen. Vielleicht hatte Handke schon damals so eine Vision bei seiner Publikumsbeschimpfung!?

Die Probe findet zum ersten Mal mit Bühnenbild und in Kostümen statt, ist also auch für die Schauspieler – neben dem Tweet-up – eine weitere Premiere. Der Souffleur ist rechts platziert und auf der linken Seite der Bühne der Tonmeister (oder Komponist?), von dem wir noch einige fantastische Klänge und Soundeffekte hören werden. Das Bühnenbild sehr schlicht, fast karg. Ganz zu Anfang funktioniert etwas nicht und die Regisseurin muss eingreifen. So gibts direkt das richte Probenflair. Die Szene beginnt mit dem Auftritt Kriemhilds und ihrer Mutter Ute und zieht uns direkt in ihren Bann.

Getöse. Auseinandersetzung. Auftritt Siegfrieds am Hofe Burgunds. Eine Gruppe weißgekleideter Draufgänger räkelt sich auf einer Treppe, fachsimpelt über Frauen und Sport. Ein Wettkampf, bei dem Siegfried sich als der Held erweist, wird geschickt imaginiert.

Es ist gar nicht so einfach, sich auf das Geschehen einzulassen und gleichzeitig Kommentare zu verfassen. Geschweige denn die Tweets der anderen zu überfliegen! Ich bin froh, dass ich das während einer echten Aufführung nicht tun muss. Denn dass ich mir diese ansehen werde, ist recht schnell klar.

Wirklich ein geschickter Schachzug des Theaters, finde ich, denn mit Speck fängt man Mäuse. Dieses Twitterevent ist quasi das Pendant zu einem Musikvideo das als Promo für eine Band fungiert. Nur mit dem Unterschied, dass ich selber darin auch Akteur bin, als Teil dieser Zwischenwelt.

Als nach dem ersten Akt der Abpfiff kommt, sind wir alle etwas enttäuscht, und möchten fast für eine Zugabe klatschen. Das Stück muss in Gänze angesehen werden, darüber sind sich die meisten einig, die beim Nachklang im Foyer bei einem Glas Wein ihre Eindrücke austauschen.

Mein Resümee: mal wieder ein Beispiel dafür, wie spannend es sein kann, wenn sich Zeit-, Raum- und Wahrnehmungsebenen mischen und virtuelle Begegnungen zu solchen aus Fleisch und Blut werden.

Dieser Blog-Artikel ist übrigens verfasst, während ich durch das Herbstlaub streife, die ersten fetten, roten Kastanien sammle und dabei aus dem Augenwinkel eine Gruppe Jugendlicher beobachte, die mehrer Parkbänke okkupiert haben und in einem bemerkenswerten Jargon über Mädels schwadronieren. Ich spreche meine Gedanken in eine Handy-App und wenn ich gleich zuhause bin, liegt der Text, vermittelt über die Cloud, bereits auf dem Computer.

Ein Experiment. Aber wir sehen uns im Theater!

 NibelNe_Tweetup5

* Dass das Ganze einfach vorbildlich organisiert war, muss gesagt werden. Das Team der Herbergsmütter um Wibke Ladwig, Ute Vogel und Anke von Heyl  steht einfach für Qualität und für das Arrangieren von Netz-Events, die nicht nur professionell ausgerichtet werden, sondern denen man anmerkt, dass hier inhaltlich etwas begriffen wird. Sie gehen nicht nach Gebrauchsanweisung vor, sondern fühlen sich selber als Teil des Publikums. Ich glaube das ist eines der Geheimnisse. Aber es gibt sicher noch mehr :) Danke für diese schöne Inspiration.

Die Herbergsmütter
Text und Fotos: ©Eva Brandecker (ausgenommen Screenshots div. Tweets zum #NibelNe Tweet-up)