Paschto unterm Reetdach

Das ganz besonders Schöne an den #welcomegrooves ist, dass so viele Menschen daran mitarbeiten. Teilweise sind diese Helfer auf der ganzen Welt verstreut und wir kommunizieren per E-mail – viele von Ihnen gehören aber zu den Menschen, die in den letzten Wochen und Monaten bei uns Zuflucht gesucht haben. Sie können schon ganz gut Deutsch, sodass Sie bei der Übersetzungsarbeit eine große Unterstützung sind. Ehrlich gesagt, würden die meisten Übersetzungen sonst gar nicht zustande kommen. Als mir Gesa, eine Kollegin aus Hamburg, von ihrem Freund Moh erzählte und ich mir vorstellte, wie er in ihrem schnuckeligen Reetdachhaus vor Ihrem Laptop sitzt und mit ganz besonderem Improvisationstalent dafür sorgt, dass man bald die #welcomegrooves-Übersetzung auch auf Paschto lesen kann, da musste ich einfach mal fragen, ob sie darüber schreibt … aber lest selbst!
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#welcomegrooves an meinem Schreibtisch

Gut sechs Wochen ist es nun her, dass Eva Brandecker mit der Idee der #welcomegrooves um die Ecke kam. Da war ich im Urlaub und konnte nur signalisieren, dass ich im Prinzip dabei wäre, aber jetzt gerade … usw.

Als ich zwei Wochen später wieder in Hamburg ankam, waren die Lektionen quasi schon fertig und es ging bereits in die Übersetzungsrunde. Der Austausch in der Facebook-Gruppe war unglaublich schnell und effektiv.

Noch am Wochenende meiner Rückkehr lernte ich bei einer Veranstaltung Moh kennen, der bei mir um die Ecke in der Erstunterbringung wohnt. Untergebracht ist. Sein Bett hat. Er ist 29 und kommt aus Afghanistan, er ist zweisprachig mit Paschto und Dari aufgewachsen. Paschto … suchten wir da nicht noch jemanden?

„Kannst du Paschto schreiben?“, frage ich ihn, denn für Tigrinja hatte ich auch schon beinah jemanden gefunden, der aber dann „nur“ arabisch schreiben konnte.

„Natürlich kann ich das“, sagt er, „ich habe Dari und Paschto unterrichtet.“

Aha! Oho!

Ich erzähle ihm von dem Projekt und er ist sofort bereit, mitzumachen. Zunächst tippt er auf einer Online-Tastatur, aber das Kopieren in ein anderes Dokument verursacht Fehler. Dann präpariere ich meine Tastatur, das funktioniert besser, ist aber auch nicht immer ganz problemlos. Stunden verbringt der arme Moh an meinem Rechner, während ich fernsehe (abends) oder auswärts arbeite. Vor meiner Tastatur stapeln sich Zettel mit kryptischen Kringeln, immer wieder macht mich Moh auf Feinheiten aufmerksam und fordert mich auf, Wörter zu lesen.

 

Gegenseitiges Lernen

Zusammen mit ein paar anderen lerne ich bei ihm nämlich seit zwei Wochen Dari, aber das bemächtigt mich nicht, a) fließend die Schrift zu lesen (und er schreibt nicht besonders leserlich, möchte ich anmerken!), geschweige denn, b) irgendetwas zu verstehen. Zumal Paschto und Dari unterschiedliche Sprachen sind.

Ich lerne nebenbei, dass es im Paschto z. B. verschiedene n-Laute gibt, deren unterschiedliche Aussprache mutmaßlich nur Muttersprachler wahrnehmen können. Überhaupt scheint es eine Sprache voller lustiger Laute zu sein. Aber das sagt Moh auch über das Deutsche.

Nicht nur ich lerne viel in diesen Tagen. Moh kennt nun all die schönen Sätze, die sich Eva Brandecker & friends ausgedacht haben.

Wo wohnen Sie?
Wie alt bist du?
Ich habe keine Lust.

Aber auch:
Ich bin alleine hier.
Meine Frau ist noch zu Hause.

Die #welcomegrooves-Gruppe hatte darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, Fragen nach der (zurückgelassenen) Familie in die Lektionen aufzunehmen. Man möchte ja niemandem zu nahe treten oder in den ohnehin schon ausreichend großen Schicksalswunden herumstochern. Aber die Flucht ist eben DAS zentrale Thema des Flüchtlings. Oft erfahre ich die Fluchtgeschichten noch bevor ich Details über die Person selbst weiß.

Natürlich kenne ich auch die Geschichte von Mohs Flucht. Er hat seine Familie seit zwei Jahren nicht gesehen. Mohs Arbeit in Afghanistan wurde ihm zum Verhängnis. Die Arbeit, mit der er sein Studium finanzieren wollte. Die Arbeit, für die er in vier Monaten Englisch lernte. Nun lernt er Deutsch.

Drückt ihm die Daumen, dass er hier studieren kann.

Gesa Louise Füßle

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Vielen Dank für deinen wunderbaren Bericht, liebe Gesa. Ich glaube es werden jetzt gerade sehr viel Daumen gedrückt für Moh – ganz herzlichen Gruß an ihn und tausend Dank für seine Mitarbeit!

Schaut auch mal auf Gesas Blog, da gibts noch mehr wunderbare Sachen zu lesen! Z.B. über die alten Briefe von Leni, die auch mal auf der Flucht war oder über das Engagement von Gesas ganzer Familie für die Herzbrücke und den kleinen  Mustafa.

Eva Brandecker + das #welcomegrooves-Team

 

 

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