22. Dezember – Somali

Unser Adventskalender ist verknüpft mit dem Projekt welcomegrooves. Zu allen 24 Sprachen sollte es einen Beitrag geben und da ja Weihnachten eher etwas Fröhliches ist, sind die Beiträge auch rundum positiv ausgefallen, handeln von besonders schönen, kreativen und originellen kulturellen Dingen.

Fast alle Sprachen sind schon abgefeiert und ich habe hier seit Tagen auf einem Zettel stehen „Somalia“. Bei keinem Land ist es so schwer gefallen ein Thema zu finden. Obwohl es beileibe viele Flüchtlingsländer in unserer Liste gibt, in denen die Verhältnisse mehr als schrecklich sind.

Somalia, das Land am äußersten Ostzipfel Afrikas, früher einmal italienische Kolonie … ich war noch nie dort. Das, was ich weiß, beziehe ich aus Büchern oder aus dem Internet. Da fallen Stichworte wie Korruption, Kriegsgewinnler, Waffenhandel, Hungersnöte, Erosion, Beschneidung, Warlords, Mogadischu – sie zeichnen ein Bild von einem verlorenen Land, das mehr als 20 Jahre lang keine funktionierende Regierung hatte. Ein Land, in dem Piraterie den wichtigsten Wirtschaftsfaktor stellt. Die somalische Küste (2.720 km Länge) ist ein Abladeplatz für illegale Atom- und Giftmüllverklappung: Es gibt keine Küstenwache. Die häufigen Missbildungen der Neugeborenen führt man darauf zurück. Wenn man von Wunden auf unserer Erde spricht, so ist dort eine zu finden.

Wie halten das die Somalier nur aus? Man spricht von einer übermenschlichen Durchhaltekraft der Menschen dort, besonders der Frauen. In Somalia ist die Beschneidung der Frauen auch heute noch religiöse und traditionelle Pflicht.

Und dann gibt es die Menschen, die weggehen (müssen). Um das Land zu retten, vielleicht irgendwann oder zumindest um Zeugnis abzulegen. Mit Worten.

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Fadeninstallation „A long day“ von Chiharu-Shiota – Foto: Eva Brandecker

Der Schriftsteller Nuruddin Farah, in seiner Abwesenheit zum Tode verurteilt, lebt seit Mitte der siebziger Jahre im Exil. Zentrales Thema seines Werkes ist für Farah, der immer wieder für den Literaturnobelpreis im Gespräch ist, stets seine Heimat Somalia und wie schwer es ist, seine humanistischen Ideale in Afrika nicht zu verlieren. Ein wichtiger Begriff ist für ihn der der Religionisten:

„Leute, die mittels Religion an die Macht kommen wollen und nur die Religion als Grundlage der Macht anerkennen, ob das nun Christen oder Muslime sind, sind Religionisten.

[…] Religion ist eine private Angelegenheit zwischen dem Gläubigen und Gott. Und ich bin dagegen, dass jemand mit dem Gewehr zum Beten bittet. Wenn ich aus Angst bete, ist das ein falscher Glaube.“

Auf die Frage, ob es eine Art Kulturbetrieb in Somalia gäbe, antwortet er:

„In Somalia hast du die Wahl, entweder ein Buch zu kaufen oder ein Gewehr, um deine Familie zu schützen. Ich würde auch zuerst eine Waffe kaufen.“

Nuruddin Farah schreibt weiter dagegen an und gibt die Hoffnung nicht auf. Er möchte gerne in sein Land zurückkehren. Vielleicht sind bis dahin auch einige seiner vielen Romane endlich ins Somalische übersetzt.

Drei Schriftstellerinnen mit somalischen Wurzeln sind Waris Dirie, Ayaan Hirsi Ali und Fadumo Korn. Alle drei beschäftigen sich mit dem für Somalia so wichtigen Thema „Beschneidung“ und engagieren sich in vielfacher Form auf internationaler Ebene. Durch Frauen wie sie, ist die Weltöffentlichkeit überhaupt erst auf das tabuisierte und für die Opfer schwerst Trauma behaftete Thema aufmerksam geworden. Doch noch immer sind z.B. im westlichen und nordöstlichen Afrika zwischen ca. 85% der Frauen und Mädchen davon betroffen!

Wir freuen uns sehr, dass Fadumo Korn, die seit 1979 in Deutschland lebt, trotz ihrer vielfältigen Arbeit und ihres Engagements in ihrem Verein NALA e.V.die Zeit gefunden hat, uns mit der Übersetzung der welcomegrooves-Lektionen in Somali zu unterstützen.

Eva Brandecker


Statt einer Verlosung möchten wir heute deshalb gerne euch um ein kleines Geschenk für das Adventskalendertürchen bitten. Um eine Spende für NALA.

NALA setzt sich insbesondere gegen weibliche Genitalbeschneidung, Female Genital Mutilation (FGM) bzw. Genitalverstümmelung in afrikanischen Ländern, aber auch in Deutschland und weltweit ein.
NALA steht unter dem Motto „Bildung statt Beschneidung“, das heißt NALA klärt auf und hilft mittels konkreter Projekte.

NALA e.V. Konto: EKK-Bank
IBAN: DE 55520604100004005503
BIC: GENODEF1EK1

*Zitate: NZZ – Ein weißer Fleck in der Topographie der Kultur
Foto: Fadeninstallation „A long day“ von Chiharu Shiota, z. Zt. in der Kunstsammlung K21, Düsseldorf


Über welcomegrooves: Im Sommer 2015 entstanden in einer ehrenamtlichen Gemeinschaftsproduktion 6 Lektionen „Deutsch lernen mit Musik“ für Flüchtlinge. Mit diesen welcomegrooves wollen wir die Menschen, die zu uns kommen, freundlich willkommen heißen und ihnen helfen, sich mit der deutschen Sprache vertraut zu machen. Bitte unterstützt sie dabei. 😀 Danke!
Die Übersetzung der welcomegrooves-Lektionen in Somali ist von Fadumo Korn.

Wir freuen uns über eure Kommentare!
Eva Brandecker + das welcomegrooves-Team

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