6. Dezember – Bulgarisch

Heute geht es nicht um die Sprache Bulgarisch, sondern um einen bedeutenden Künstler, der vor vielen Jahren aus Bulgarien floh. Christo Vladimirov Javacheff gelang es 1957, während eines Studienaufenthaltes in Prag in einem verplombten Eisenbahnwaggon in den Westen zu fliehen. Zunächst nach Wien, dann nach Paris, wo er sich mit Auftragsmalerei über Wasser hielt. Gleichzeitig entstanden erste verpackte Gegenstände und Entwürfe für größere Arbeiten.

In Paris begegnete er auch Jeanne-Claude, die nicht nur seine Ehefrau wurde, sondern bis zu ihrem Tod im Jahre 2009 seine künstlerische Gefährtin. Eine der ersten gemeinsamen Arbeiten war 1962 ein „eiserner Vorhang“ aus 89 Ölfässern, der die Rue Visconti durchtrennte – eine Antwort auf den Bau der Berliner Mauer im Jahr zuvor.

Ich hatte das große Vergnügen und die Ehre, bei einer von Christo & Jeanne-Claudes Installationen als Fotografin mitzuarbeiten. 1983 entstanden die „Surrounded Islands“ in der Biscayne Bay, Miami.

11 Inseln, um die sich schwimmende Stoffbahnen wie gigantische rosafarbene Seerosen im grünlich-blauen Wasser der Bucht entfalteten – ein, wie alle Christo-Projekte, minutiös geplantes, ingenieurtechnisches Meisterwerk. Eine unvergleichliche Skulptur, eingebettet in die besondere Mixtur aus Natur und menschengemachter Landschaft Floridas.

430 Menschen waren involviert um die Vision für 2 Wochen zum Leben zu erwecken. Handwerker, Studenten, Kunstbegeisterte aus aller Welt halfen, die Inseln zu umhüllen und zu behüten. Jede Insel hatte sog. „Monitors“, die Tag und Nacht in Schlauchbooten den Inseln zugeteilt waren. Die Atmosphäre war unbeschreiblich, elektrisierend. Wie man munkelt, ist auch während der Zeit der Installation ein „Insel“-Baby entstanden, wie anscheinend auch bei einigen anderen Projekten, beim „Running Fence“, beim „Valley Curtain“ , usw. … ich bin davon überzeugt 😉

Christo-surrounded-islands

Niemand konnte sich der Schönheit des Kunstwerkes entziehen und wie bei fast allen Projekten waren auch die ursprünglichen Gegner letztendlich überzeugt. Es gibt einen wunderbaren Film der Maysles Brüder, „Islands“, der diese 2 Wochen dokumentiert. Mit herrlichen Szenen, in denen auch die Stimmen des Publikums eingefangen werden. Unter anderem: Zwei LKW-Fahrer wechseln einen Reifen und unterhalten sich, mit Blick auf die Inseln, über Sinn und Unsinn von Kunst. Sehr großartig.

Das Miami Projekt dauerte mit Vorbereitungen „nur“ 3 Jahre – eher wenig im Vergleich zu anderen Projekten, die mit unendlicher Hartnäckigkeit und Geduld von Christo & Jeanne-Claude durchgesetzt wurden. Christo ist ja nicht nur ein brillanter Zeichner und künstlerischer Visionär, sondern beide Künstler sind auch begnadete Überredungskünstler und Lobbyisten ihrer eigenen Arbeit.

Bei einigen der endlosen Gespräche, Sitzungen und Anhörungen war ich dabei und konnte miterleben, wie zermürbend und aufreibend dieses Prozedere war. Ich kann nur meinen Hut ziehen vor dieser Ausdauer gegenüber Bürokratie und Bedenkenträgern. Die Realisierung des „Verhüllten Reichstages“ in Berlin hat 24 Jahre gedauert!

In diesem Sommer musste ich oft an diese Zeit denken und habe überlegt, was für Eigenschaften ein Mensch haben muss, der überhaupt Flucht in Betracht zieht und dann auch übersteht. Nicht umsonst finden sich wohl unter Flüchtlingen und Emigranten so viele Künstler und Menschen, die Außergewöhnliches vollbracht haben. Die Geschichte von Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft ist voll davon.

V. Schreiber und E.L. Iskenius schreiben: „Flüchtlinge, die nach oft jahrelanger Flucht […] erreichen, haben damit einen erstaunlichen Beweis an menschlichem Leidensvermögen, an Bewältigungskompetenz und Hoffnungsfähigkeit erbracht.*

Christo, ein in Bulgarien geborener Amerikaner, dessen Mutter aus Mazedonien stammte und dessen Vater halb Bulgare, halb Tscheche war, hat diese Eigenschaften mit Sicherheit, gepaart mit seiner künstlerischen Sensibilität und Schaffenskraft.

Es freut mich, dass er (jetzt 80 Jahre alt) auch nach dem Tod von Jeanne-Claude ihr beider Werk weiterführen will. Es sind im Moment drei Projekte geplant und ich finde auch das neue, für Italien geplante Werk „The Floating Piers“ strahlt eine besondere Magie aus.

The Floating Piers (Project for Lake Iseo, Italy) Drawing 2014 in two parts 15 x 96" and 42 x 96"
The Floating Piers (Project for Lake Iseo, Italy) Drawing in two parts © 2014 Christo

In einem früheren Interview sagte Christo einmal: „Ich bin absolut der Meinung, dass jederlei Kunst, in der eine sogenannte „Message“ steckt, im wesentlichen Sinne Propaganda ist. Ich bin aus einem kommunistischen Land geflohen, genau aus diesem Grund.“**

Für mich verselbständigen oder materialisieren sich bei interessanter Kunst aber Botschaften und drängen unwillkürlich zu mir. Manchmal ist das „nur“ Ästhetik oder etwas Konzeptionelles, manchmal ist es aber auch politisch oder existenziell.

Dann ist es schön, wenn ich einfach nur betrachten und erleben kann. Ein Werk von Christo zu erleben in seiner Entstehung und Vergänglichkeit würde mir nochmal sehr gefallen.

Ein wenig kann ich mir auch schon vorstellen, wie es sich anfühlt über das Wasser zu gehen, von einem Landstück zum anderen.

So viele Menschen zur Zeit, die sich das auch sehr wünschen würden zu können.

Eva Brandecker

  *Flüchtlinge: zwischen Traumatisierung, Resilienz und Weiterentwicklung
**Interview mit Joachim Schmitz in der Neuen Osnabrücker Zeitung, 2012
Abb. The Floating Piers (Project for Lake Iseo, Italy)Drawing 2014 in two parts15 x 96″ and 42 x 96″ (38 x 244 cm and 106.6 x 244 cm) Pencil, charcoal, pastel, wax crayon, enamel paint, hand-drawn map, cut-out photographs by Wolfgang Volz, fabric sample and tape Photo: André Grossmann © 2014 Christo

Im Sommer 2015 entstanden in einer ehrenamtlichen Gemeinschaftsproduktion 6 Lektionen „Deutsch lernen mit Musik“ für Flüchtlinge. Mit diesen welcomegrooves wollen wir die Menschen, die zu uns kommen, freundlich willkommen heißen und ihnen helfen, sich mit der deutschen Sprache vertraut zu machen. Bitte unterstützt sie dabei. 😀 Danke!
Zur bulgarischen Übersetzung der welcomegrooves-Lektionen >>

Vielen Dank für Übersetzung und Korrektorat der Lektionen und Kulturtipps an Ivelina Drakova-Eismann, Zlatina Ermenlieva und Maria Valkova!

Wir freuen uns über eure Kommentare!
Eva Brandecker + das Welcomegrooves-Team

Kommentare 2

  • Sehr spannend, vielen Dank für diesen schöne Artikel. Ich bewundere Christo und Jeanne Claude schon lange, aber darüber, das er Flüchtling war und ob und wie das seine Arbeit beeinflusst hat, hatte ich noch nie nachgedacht. Die beiden brauchten für ihre Projekte ja wirklich eine ganz besondere Ausdauer und eine starke Vision – und beides sind Eigenschaften, die Flüchtlinge auch brauchen. Die großen Entbehrungen, die Angst und die Gefahren, die mit Flucht verbunden sind, nimmt doch nur auf sich, wer großen Lebensmut, Hoffnung und die Vision eines besseren Lebens hat. Allein schon deshalb sollten wir Flüchtlinge mit offenen Armen und offenem Herzen empfangen: Sie machen uns vor, wie stark die Kraft des Wünschens ist.

    • Danke für deine schönen Gedanken, Nathalie. Ich wünschte auch, ich hätte ihn damals etwas mehr über die Flucht im Eisenbahnwaggon ausgefragt, aber ich glaube, es sollte damals nicht so sehr Thema sein. Auf jeden Fall gibt es sehr viele spannende philosophische Ansätze, wenn man die Arbeiten von mehreren Seiten betrachtet und beim Thema „über das Wasser gehen“ hatte ich sofort entsprechende Assoziationen. Ganz unvergleichlich und unvergeßlich ist es aber auf jeden Fall solch eine Installation einmal live zu erleben. Wer die Gelegenheit dazu hat: Es werden auch für dieses Projekt wieder viele Mitarbeiter gesucht. Hier kann man sich einschreiben: http://www.thefloatingpiers.com/get-involved

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