Hey, Mr. Nobelpreis Man!

Herzlichen Glückwunsch zum Literatur-Nobelpreis Bob Dylan! Wir als Popstar unter den Sprachkursen freuen uns natürlich ganz besonders über diese Ehrung und finden sie voll in Ordnung. Viele ja nicht so. Mancher meint, es sei nicht angebracht; der Literaturkritiker Denis Scheck vermutet, das Komitee habe wohl gerade nicht die Telefonnummer von Donald Duck parat gehabt und die hochgeschätzte Sibylle Berg fragt z.B. auf Twitter:

Dass die Nobelpreis-Jury, so wie auch schon im letzten Jahr bei der Vergabe des Preises an die russische Journalistin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch, über den Gartenzaun der hohen Literatur geschaut hat, finden wir mutig und modern. Die Songtexte von Dylan sind Lyrik und Lyrik ist eine literarische Gattung – von daher greift Dylan eigentlich auf die Urform der Dichtung zurück: Am Anfang war das Lied 🙂

Wikipedia: Lyrische Texte sind in der Regel reich an rhetorischen Stilmitteln (Tropen und Figuren), rhythmisiert, manchmal gereimt und gelegentlich auch mit Musik verbunden, was auf ihren Ursprung verweist: Im antiken Griechenland wurde der Vortrag von Dichtung in der Regel von einer Lyra oder Kithara begleitet.

Ein Grund, warum man sich mit Musik verknüpfte Texte so gut merken kann und umgekehrt. „How many roads …“ und schon geht das Ohrenkino an. Bei euch auch, oder?

By Rowland Scherman (U.S. National Archives and Records Administration)
Joan Baez & Bob Dylan, Foto by Rowland Scherman (U.S. National Archives and Records Administration)

Bestimmt haben viele von euch ihre eigene Bob Dylan-Story und/oder ihren Lieblingssong – wir fanden es sehr schön, was die Autorin und Übersetzerin Marion Schweizer in einem Forum geschrieben hat. Sie hat es uns als Gastbeitrag zur Verfügung gestellt:

Nobelpreis für Bob Dylan? Ich bin begeistert! Ich hatte mir schon in den Achtzigern in der Disziplin „Amerikanische Lyrik“ Dylans Texte als Examensthema ausgesucht, was diese vertrockneten Dozenten überhaupt nicht nachvollziehen konnten – und das Thema in der Prüfung auch schnöde links liegen ließen. Ignoranten! Jedenfalls fühle ich mich mit dieser Entscheidung jetzt, 34 Jahre später, rehabilitiert und geadelt! 🙂

Dylans Lieder haben mehr als eine Generation geprägt, und auch wenn ich persönlich später nicht alle seine ideologischen Trips nachvollziehen konnte, gibt es nur wenige Hymnen, die „Blowin‘ in the Wind, Like a Rolling Stone, God on Our Side, The Times, They are a‘ Changin, Highway ’61, Like a Rolling Stone, All Along the Watchtower, Knockin‘ on Heaven’s Door, Maggie’s Farm, Mr. Tambourine Man, Slow Train Coming, It Ain’t Me, Babe, It’s All Over Now, Baby Blue, Please Ms. Henry“ und zahllosen anderen das Wasser reichen können. Oder man denke nur an seine Filmmusik für Pat Garrett jagt Billy the Kid – großartig!

Dylan hat ein gigantisches Werk geschaffen, das fast alle gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 50 Jahre widerspiegelt, vom Country und Folk über den Aufbruch und die sozialen Bewegungen der Sechziger, über Rock und die psychedelische Musik der Drogen- und Hippiezeit bis zum New Age und wieder zurück. Er ist selbst durch diese Zeiten gegangen, hat sie durchlebt und in seinen Lyrics reflektiert, ist nirgendwo stehen geblieben, hat sich immer wieder gewandelt, immer wieder neue Seiten an sich herausgekehrt. Er hat in all den Jahren – und bis heute – nie aufgehört, Lyrics und Musik zu schreiben, zu zeichnen und zu malen, sich mit sich selbst, mit anderen Künstlern und Dichtern und mit der Gesellschaft insgesamt auseinanderzusetzen und – auch mit 75 Jahren noch – Konzerte zu geben. Ich finde, er hat den Preis verdient.

Ich hab mir letztes Jahr die Gesamtausgabe gekauft – das sind nicht weniger als 41 Alben, davon 5 Doppelalben! Seither sind zwei weitere dazugekommen. Ich kenne niemanden sonst, der so produktiv war, bzw. ist. Und werde jetzt gleich mal Live at Budokan auflegen …  In bester Laune grüßt – Marion

Danke für diese tolle Hommage an Bob Dylan, Marion!
Und welches ist euer Ohrwurm zum Thema? Wir freuen uns über Kommentare 🙂

Hier noch ein paar Lese- und Hörempfehlungen:
Literaturwissenschaftler über Bob Dylan – „Der Nobelpreis braucht ihn“ (Mai 2016)
Literaturnobelpreis – „Bob Dylan ist der Polarstern“ | Cicero Online
Bob Dylan Wins Nobel Prize, Redefining Boundaries of Literature – The New York Times
Literaturnobelpreis 2016 / Bob Dylan macht das Rennen / boersenblatt.net
Bob Dylan in The New Yorker – The New Yorker
Bob Dylan: Prophet eines anderen Amerika | ZEIT ONLINE
Bob Dylan erhält Literaturnobelpreis: Diese zehn Songs müssen Sie kennen  – SPIEGEL ONLINE

 

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